Steinboden mit Herz

Hinterm Tellerrand – Blog

Mit mittlerweile mehr als 8.500 monatlichen Besuchern hat sich meine Homepage im Laufe der Jahre zu einer Adresse entwickelt, die nicht nur vom Fachpublikum, sondern auch von Laien gern aufgesucht wird. Damit es zwischen den Fachpublikationen auch etwas zu lesen gibt, veröffentliche ich hier kleinere Texte nicht nur zur Homöopathie. Viel Spaß beim Lesen!

Vertrauen ist eine Illusion

"Vertrauen ist etwas für Menschen, die Trost in falschen Gewissheiten suchen." 

 

Kannst du dir vertrauen? Tust du immer das, was du angekündigt hast? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich hast du dein angekündigtes Handeln schon oft nicht umgesetzt. Du hast zum Beispiel versprochen, pünktlich zu sein - und warst es nicht. Du hast dir selbst versprochen, das Neue Jahr zu nutzen, um mit dem Rauchen aufzuhören, diesmal wirklich und endgültig - und hast im Februar wieder angefangen. Du hast dir geschworen, nie wieder laut zu werden - und hast das Versprechen am nächsten Tag gebrochen. Du hast dir vorgenommen, ab sofort zwei Stunden Sport in der Woche zu treiben - und hast dein Vorhaben ganze sechs Wochen durchgehalten. 

 

Dennoch ist Vertrauen nach wie vor ein großes Wort. Meist geht es um das Vertrauen, das du in Andere setzt, und nach deinem Gefühl auch zu Recht! Du glaubst, es sei selbstverständlich, dass die Anderen einhalten, was sie zusagen. Und du glaubst, es sei selbstverständlich, wenn du zornig oder enttäuscht bist, wenn die Anderen ihre Versprechen brechen.

 

Die Wahrheit ist jedoch, dass du selbst dir nicht vertrauen kannst. Auch du brichst immer wieder Versprechen und hälst Zusagen nicht ein. 

 

Die Wahrheit ist, dass wir Menschen Dinge versprechen, die wir nicht halten. Du tust das. Ich tue das. Die Anderen tun das. Meist glauben wir an unser Versprechen, wenn wir es formulieren. Selten versprechen wir etwas in dem Bewusstsein, dass wir es sowieso nicht halten werden. Versprechen sind also nicht mehr als Wünsche - Wünsche, die in der Sekunde, in der wir sie formulieren, Gültigkeit haben, an deren Umsetzung wir glauben - ungeprüft glauben. 

 

Ewige Treue ist so ein Versprechen, das wir uns selbst und unserem Partner gern geben. Mehr noch, wir halten ewige Treue nach wie vor für das Erfolgsmodell einer glücklichen Beziehung. Und wir setzen daher das Vertrauen in uns selbst und in unseren Partner, dass alle sich an diese Zusage halten. 

 

Die Realität sieht allerdings so aus, dass zwei Drittel der Menschen nicht treu sind. Wir Menschen sind keine monogamen Säugetiere - das ist die Wahrheit. Väter ziehen Kuckuckskinder groß und zeugen Kuckuckskinder, Mütter verbergen die wahren Vaterschaften, Seitensprünge erleichtern Durststrecken in festgefahrenen Bettgemeinschaften, Affären haben so mancher Ehe zum weiteren Bestehen verholfen. 

 

Gleiches gilt für das Vertrauen, das du in deinen Arbeitgeber setzt. Du vertraust zum Beispiel darauf, dass du nicht gekündigt wirst, nicht versetzt wirst, deinen Arbeitsplatz nach Möglichkeit behälst, wie er ist, dein Gehalt regelmäßig erhöht wird. Du formulierst dein Vertrauen als einen selbstverständlichen Anspruch. Umgekehrt vertraut dein Arbeitgeber darauf, dass du nicht chronisch krank wirst, du deine Pausenzeiten einhälst, immer zu annährend hundert Prozent einsatzbereit bist, pünktlich bist, gut über ihn urteilst, loyal bist, ... Auch hier ist das Vertrauen nur eine Illusion, denn die Realität sieht anders aus. Arbeitsverträge werden geändert und gekündigt, Gehälter eingefroren oder gekürzt, Pausenzeiten nicht eingehalten, und in deinem Freundeskreis beschwerst du dich permanent über deinen unmöglichen Chef. 

 

Kannst du also nichts und niemandem mehr vertrauen? - Doch. Darauf, dass sich dein Leben permanent ändert. Darauf, dass das Leben freundlicher ist als deine Gedanken darüber. Darauf, dass wahre Liebe ewig hält. Darauf, dass du selbst dein Glück in deinen Händen trägst. Darauf, dass du jetzt, in dieser Sekunde, damit beginnen kannst, glücklich zu sein. Und wenn du verstanden hast, dass dein Glück schon an deiner Seite steht, dann kannst du in das Leben vertrauen - und nicht in die Erfüllung von Wünschen, die der Märchenwelt aus deinem Kopf entsteigen. 


Über Gewicht

Neues Jahr, neue gute Vorsätze: Oft haben die Vorsätze mit der Anpassung des Körpers an idealere Maße zu tun. 

 

Fitnessstudios reiben sich die Hände, denn nie werden so viele Verträge abgeschlossen wie im oder zum Januar. Im Februar dünnt sich die Besucherzahl schon aus, und ab März kehrt wieder Normalität ein in die Studios, die guten Vorsätze blieben doch wieder gute Vorsätze. 

 

Früher waren Problemzonen den Frauen vorbehalten - heute stehen auch Männer vor dem Spiegel und knirschen mit den Zähnen, weil das Sixpack nur im Kühlschrank zu finden ist. Zum Glück hat die Ära der "Curvy Models" begonnen, Frauen, die die Kleidergrößen 42 bis 46 tragen, und zwar nicht deswegen, weil sie nur auf dem Sofa liegen und Chips essen, sondern, weil sie normal-gesund leben und die Genetik ihnen Rundungen zaubert. Und das heißt: Kurvige Frauen treiben durchaus regelmäßig Sport, sie essen durchaus gesund, sind aber weder begeisterte Leistungssportler noch ausgeprägte Salatliebhaber. 

 

Dennoch gilt die Kleidergröße 42 - übrigens die gängigste Größe - bereits als Plus-Size-Größe. Und wenn man in Single-Portalen unterwegs ist und seinen Körper beschreiben muss, hat man die Auswahl unter "schlank / normal / ein paar Kilos zu viel / stattlich". Weiblich ist nicht vorgesehen - und doch würde kein erfolgreiches weibliches Curvy Model von sich behaupten, es hätte "ein paar Kilos zu viel". 

 

Für mich sind "ein paar Kilos zu viel" die Kilos, die du hast, wenn du dich nicht mehr gesund ernährst und dich kaum bewegst, also Kilos, die sich bilden, wenn du dich nicht mehr gut um dich kümmerst. Das gilt auch für Männer. So lange du mit deiner Gesundheit gut umgehst, auf dich und deinen Körper achtest, hast du bei entsprechender Veranlagung immer "ein paar Kilos zu viel" - bist also eine kurvige Frau oder ein männlicher Mann. 

 

Wer's gern in Bildern hat, dem empfehle ich Fotos von Ashley Graham oder Angelina Kirsch - beides wunderschöne Frauen mit tollen Kurven, die nicht im Traum daran denken, auch nur ein Kilo abzuspecken. Und es wäre auch schade drum. 


Zuhören

Michael Ende erzählt in "Momo", was es bedeutet, mit einem Menschen zu sprechen, der zuhören kann:

„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. (...) Und so wie Momo sich auf's Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen tief mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, daß sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, daß er sich gründlich irrte, daß es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“


Warum tust du nicht, was ich will?

Sehr gern versuchen wir immer wieder, andere Menschen zu bewegen, das zu tun, was sie unserer Meinung nach tun sollten. Die Vorstellung, dass sich etwas verbessert, wenn nur der Andere endlich einmal einsehen würde, dass …, ist so stark, dass wir unsere Energie unermüdlich in die Veränderung des Anderen stecken.

 

"Ich habe dich so oft gebeten, ordentlicher zu sein. Schau nur, wie schön es ist, wenn alles aufgeräumt ist. Das gefällt dir doch auch, oder? Seit zwei Jahren sage ich dir immer wieder, räum doch deine Schuhe in den Schrank. Aber du tust es einfach nicht. Was muss ich tun, damit du tust, was ich will?"

 

Es fasziniert mich immer wieder, mit welch unglaublicher Energie wir versuchen, andere Menschen zu verändern, um unser eigenes Leben zu verbessern. In meinem Beispiel hat die Ehefrau ihren Ehemann im Laufe vieler Jahre immer wieder gebeten, seine Schuhe IN den Schuhschrank zu räumen - meist ergebnislos. 

 

Wenn wir unserem Partner hundert Mal gesagt haben, er möge doch bitte seine Schuhe in den Schuhschrank stellen, er es aber neun von zehn Male „vergisst“, dann liegt das daran, dass der Gedanke, die Schuhe in den Schrank zu räumen, in ihm nicht angelegt ist. Warum das so ist, wäre pure Spekulation - und ist im übrigen auch seine Angelenheit. Wir wollen ja auch nicht, dass unser Partner uns vorschreibt, was wir seiner Auffassung nach zu tun haben.

Wir können unsere Bemühungen der Erziehung also sofort einstellen und die frei gewordene Energie für sinnvolle Tätigkeiten verwenden.

 

Niemand ist verantwortlich für das Glück eines anderen Menschen. Jeder Mensch ist ausschließlich für sein eigenes Glück verantwortlich. Und wenn unser Partner seine Schuhe nicht in den Schuhschrank stellen will, dann haben wir drei Möglichkeiten: Love it, change it or leave it. Auf deutsch: Akzeptiere die Realität mit Liebe und Frieden, räume die Schuhe selbst in den Schrank oder verlasse den Partner.  

 

Eine ehrliche Kommunikation würde helfen, den Dauerkonflikt sofort zu beenden:

 

Du:      Räume bitte immer deine Schuhe in den Schuhschrank. Ich brauche das, damit es mir besser geht.

Er:       Ich will meine Schuhe nicht in den Schrank räumen. Mich stört es nicht, wenn sie draußen stehen. Ich finde, sie lüften besser, und ich spare ein paar Sekunden Zeit.

Du:      Dann bitte ich dich, es mir zuliebe zu tun.

Er:       Das möchte ich aber nicht. ich werde es immer wieder vergessen, weil es mir nicht wichtig ist.

Du:      Dann muss ich deine Schuhe immer wegräumen.

Er:       Du bist es ja auch, die die Schuhe im Schrank haben möchte!

Du:      Aber ich putze deine Schuhe auch für dich, weil ich weiß, dass du sie gern sauber hast, du selbst es aber nicht tust.

Er:       Dann putze sie halt nicht. Es ist doch meine Sache, ob ich mit geputzten Schuhen unterwegs bin oder nicht. 

Du:      Ich möchte aber nicht, dass du mit ungeputzten Schuhen herumläufst.

Er:       Also putzt du meine Schuhe für dich und nicht für mich.

Sie:      Okay. Dann mache ich das, weil es für MICH wichtig ist.

 

 

Und schon hast du einen jahrelangen Streit beigelegt - deswegen, weil du erkannt hast, dass DU es bist, die seine Schuhe im Schrank stehen haben möchte, nicht er. 

 

Mein jüngster Sohn hat mir diese Ehrlichkeit früh beigebracht. Als er ungefähr sechs Jahre alt war, bat ich ihn, den Hof zu fegen, den wir uns mit einer anderen Familie teilen. Er fegte auch artig die Blätter weg, doch irgendwann fragte er mich, da es Herbst war und ständig neue Blätter von den Eichen fielen, warum er fegen solle, solange die Bäume noch so viel Laub hätten. Ohne nachzudenken, antwortete ich: „Weil unsere Nachbarn gern einen laubfreien Hof haben möchten.“ In der nächsten Sekunde stellte mein Sohn den Besen an die Wand und sagte: „Dann sollen die Nachbarn fegen.“ Ich hatte sehr gelacht, denn er hatte Recht!   

 

Genauso ist es mit den Schuhen und dem Schrank und mit allen Erwartungen, die wir an Andere haben.

 

 


Warum schaffe ich es nicht ...

Viele Menschen sind mit ihrem Leben unzufrieden und suchen nach Antworten zu der Frage, warum sie es nicht schaffen, bestimmte Aspekte zu ändern:

- Warum bekomme ich mich nicht motiviert, abzunehmen?

- Meine Partnerschaft ist eine Katastrophe, aber ich kann mich nicht trennen.

- Mein Job quält mich seit zehn Jahren, ich würde so gern etwas anderes machen. Aber ...

- Meiner Frau zuliebe verzichte ich auf eine gute Position im Ausland. Das beschäftigt mich sehr.

- Meine Kinder hindern mich daran, eine Ganztagstagsstelle anzunehmen. Ich habe das Gefühl, immer nur zu verzichten.

 

Tatsächlich tun wir aber IMMER genau das, was wir tun wollen! Alles, was wir tun, tun wir ausschließlich für uns selbst.

 

- Wer Gewicht verlieren möchte, aber seit Jahren übergewichtig ist, hat eine zu schwache Motivation zum Abnehmen. Die Motivation, zu essen, ist stärker. Alle Entscheidungen - die bewussten wie die unbewussten - haben immer einen guten Grund. In einem Seminar mit Tagesmüttern, die vornehmlich Babys und Kleinkinder betreuten, stellte ich fest, dass vier von fünf Frauen einen kräftigeren Körper hatten. Viele glaubten, diese "Pufferzone" zu brauchen.

- Niemand verzichtet für einen anderen Menschen. Die Motivation, die Partnerschaft zu erhalten und nicht in das Ausland zu gehen, ist höher als die Motivation, Karriere zu machen.

- Das Gleiche gilt für den Job, der seit zehn Jahren quält. Die Qual ist ganz offensichtlich noch erträglich, denn erst dann, wenn sie unerträglich wird, ist die Motivation, einen anderen Job anzunehmen, größer als das Bedürfnis nach Kontinuität.

- Warum ist man zehn Jahre lang Single? Die Antwort ist einfach: Weil man Single sein möchte. Die Angst, in einer Partnerschaft unfrei oder ungeliebt oder … oder … zu sein, ist größer als der Wunsch nach Partnerschaft.

Sobald wir erkennen können, dass wir immer genau das machen, was wir machen wollen, brauchen wir nicht mehr mit uns kämpfen. Wir suchen nach der Freiheit, die bereits da ist - und die wir leben! Es sitzt kein Männchen in unserem Kopf, das uns zwingt, das zu tun, was wir tun. Jede Entscheidung ist selbstbestimmt. 

 

"Ich nehme den Job im Ausland nicht an, weil MIR meine Familie wichtiger ist."(Es liegt nicht an der Frau. Jeder ist frei in seinen Entscheidungen.)

"Ich mache keine Diät, weil ICH dann unzufrieden und gereizt wäre. Wenn ich esse, geht es mir gut." (Das psychische Wohlbefinden ist wichtiger als ein schlanker Körper.)

"Ich bin Single, weil ICH mich nicht anpassen möchte und keine Lust auf Kompromisse habe." (Es liegt nicht an den fehlenden Gelegenheiten.)

 

Das eigene Handeln ändert sich ausschließlich durch ein verändertes Denken - wenn aber das Denken sich ändert, folgt das veränderte Handeln und die Veränderung des Umfeldes zügig und vor allen Dingen sehr einfach und ohne Anstrengung.

 

 


Wahre Liebe

Ute, eine Patientin, wurde vor über einem Jahr von ihrem langjährigen Partner verlassen. Sie leidet immer noch unter der Trennung, während ihr früherer Freund bereits Heiratspläne mit seiner neuen Partnerin schmiedet.

 

Boris wurde ebenfalls vor einigen Monaten verlassen. Erika, seine frühere Freundin, hat zwar keinen neuen Partner, sucht aber fleißig und amüsiert sich nach Kräften, während Boris von seinem Beruf stark gefordert wird.

 

Sowohl Ute als auch Boris erzählen, dass sie ihre früheren Partner noch lieben würden. Beide stehen einem Neuanfang skeptisch gegenüber. 

 

Nun kommen wir zu den Unterschieden:

Ute hadert immer noch mit Franks Entscheidung, sie zu verlassen. Und sie ist eifersüchtig auf die neue Partnerin und kann die frühen Hochzeitspläne nicht verstehen. „Er muss sich ganz stark geändert haben“, meint sie, „sonst würde seine Freundin mit ihm kaum zurechtkommen! Oder sie ist ihm sehr ähnlich. Dann gnade ihnen Gott - zwei Franks in einer Beziehung, das wird nichts!" Ute ist als „Stalkerin“ unterwegs: Dank Facebook und gemeinsamem Freundeskreis ist sie über die Aktivitäten von Frank bestens im Bilde. Das, was sie nicht weiß, malt sie sich in inneren Filmen aus. „Ich kann einfach nicht loslassen!“, sagt sie.

 

Boris telefoniert öfter mit Erika. Daher ist auch er über Erikas Leben informiert. „Am Anfang“, erinnert er sich, „habe ich mit ihr nicht sprechen können, ich war zu verletzt. Ich hatte geglaubt, dass ich für sie ein guter Partner gewesen bin, sie mich aber nicht gewertschätzt hat.“ Als besonders schmerzhaft hat Boris erlebt, dass Erika wenige Tage der Trennung zurück in die immer noch offenen Arme eines früheren Partners geflüchtet ist. Boris stellte jedoch sehr bald fest, dass er Erika wirklich liebte: Er ließ ihr ihren Weg. Nicht sein verletztes Ego bestimmte sein Denken und Handeln, sondern das Gefühl von tiefer Verbundenheit. „Jetzt denke ich, dass Erika einen Menschen zum Trösten brauchte, und ich bin dem Mann dankbar, dass er für Erika da gewesen ist. Und ich finde es spannend, ihre Veränderungen mitzuerleben“, erzählt er gelassen. „Sie ist jetzt in einer Therapie und entwickelt völlig neue Gedanken. Das freut mich für sie, es geht ihr zunehmend besser. Sie ist immer noch in Feierlaune, geht viel aus, hat immer wieder neue Liebschaften und gelegentlich auch düstere Gedanken. Aber sie wird ruhiger, und neulich haben wir einen sehr schönen, entspannten Tag an der Alster verbracht.“

 

Boris wartet jedoch nicht auf Erika. Er hat die Trennung auch als Chance begriffen, seine eigenen Baustellen anzugehen, und hat sich aktiv um seine Gesundheit, sein Sozialleben und seinen Job gekümmert. Auch lebt er nicht sexuell abstinent. Ebenfalls hat er gelernt, die Zeit mit sich selbst gut zu nutzen - er hat den Fernseher abgeschafft, verordnet sich an jedem Wochenende mehrere Stunden ohne jegliche Ablenkung und zwingt sich, zeitig ins Bett zu gehen, um nicht permanent müde zu sein. 

 

Liebeskummer ist im Wesentlichen eine Frage des Denkens. Es ist nicht etwa der Partner, der das Leiden verursacht, sondern die eigenen Gedanken über den Partner. Tatsächlich ist es unmöglich, dass der frühere Partner für das Leiden verantwortlich sein könnte – denn er ist ja gar nicht mehr da! Ute lebt nicht ihr eigenes Leben, sondern Franks Leben. Sie ist nicht bei sich und kann damit auch nicht ihre Mitte finden, und sie leidet unter ihren eigenen Gedanken. Boris hat hingegen freundliche Gedanken; er versucht nicht, Erika in seinen eigenen inneren Traumfilm zu zwingen. Er lebt sein eigenes Leben.

 

Und nur so lässt sich feststellen, ob es tatsächlich Liebe ist, die verbindet, oder das Ego vom Partner in bestimmten Punkten befriedigt worden ist und nun, nach der Trennung, im „kalten Entzug“, Entzugsschmerzen entwickelt.

 

Auch die Freiheit ist eine Frage des Denkens. Betrachtet man Ute, Boris und Erika, ist nur Boris frei. Ute lebt in ihren eigenen Filmen, Erika läuft vor sich weg und sucht Selbstbestätigung in Affären. Beide haben keinen Anker in sich. Boris hingegen macht das eigene Glück nicht vom Handeln anderer Menschen abhängig - auf das er sowieso keinen Einfluss hat.

 

Die Liebe an sich macht niemals Kummer; es ist immer nur das verletzte Ego, das schmerzt.

 


Die 5 Sprachen der Liebe

Partnerschaft, Liebe und Trennung zählen zu den häufigsten Leidensthemen in meiner Praxis. Meist geht es nicht um Differenzen im Alltag, sondern um das Gefühl, nicht genug geliebt zu werden. Oft haben beide Partner ein ähnliches Gefühl – beide glauben, dem Anderen mangele es an Liebe.

 

Der amerikanische Psychologe Gary Chapman hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, in dem er sich mit den „5 Sprachen der Liebe“ beschäftigt. Er glaubt, dass der Sinn von Partnerschaft im Wesentlichen im gegenseitigen Schenken von Liebe besteht, weil das Empfangen von Liebe ein Urbedürfnis eines jeden Menschen sei.

 

Jeder Mensch fühlt sich anders geliebt; jeder Mensch braucht eine besondere Art der Liebesbekundung. Dass zwei Menschen die gleiche Liebessprache sprechen, kommt nicht so häufig vor; nur am Anfang einer jeden Liebe sprechen beide Partner alle fünf Sprachen, weswegen die Phase der Verliebtheit auch so wunderbar ist. Da jedoch der Alltag in jede Liebe irgendwann Einzug hält und die Familie, die Freunde, die Arbeit, das Hobby nach Zeit und Aufmerksamkeit verlangen, reduziert sich die Kommunikation auf die „Muttersprache“ der Liebe. Jeder Mensch spricht von Haus aus seine eigene bevorzugte Sprache.

 

Gary Chapman hat fünf verschiedene „Sprachen“ beschrieben:

 

- Lob und Anerkennung. Wem Lob und Anerkennung wichtig ist, bedient sich dieser Sprache und drückt seine Liebe entsprechend aus.

- Zweisamkeit: Die gemeinsame Zeit allein mit dem Partner hat einen besonderen Stellenwert.

- Geschenke: Kleinere und größere Aufmerksamkeiten sollen dem Partner zeigen, dass er geliebt wird: „Ich denke immer an dich, du bist mir wichtig, und deswegen habe ich dir diesen kleinen Schokoladenhasen mitgebracht.“

- Unterstützung: Menschen, die Unterstützung wünschen, sind oft selbst besonders hilfsbereit. Sie kümmern sich liebevoll um ihren Partner, sei es nun die vom Partner verhasste wöchentliche Autowäsche oder die Unterstützung beim Formulieren eines Briefes an den Chef.

- Zärtlichkeit: Häufige Berührungen und Küsse drücken die tiefe Zuneigung aus.

 

Wer sich also nicht genug geliebt fühlt, wird eingeladen, in sich nach der eigenen Liebessprache zu suchen. Wann fühlt man selbst sich besonders geliebt? Anerkennung bekommen die meisten Menschen gern, und kleine Geschenke ebenfalls. Aber lösen Anerkennung und kleine Geschenke tatsächlich das Gefühl aus, geliebt zu sein, oder sind sie nur das Sahnehäubchen auf der Liebestorte?

 

Wenn beide Partner den Anderen wirklich lieben, aber oft das Gefühl haben, die Liebe käme nicht an, liegt das vermutlich auch daran, dass unterschiedliche Arten der Liebesbekundung gebraucht werden. So drücken viele Männer ihre Liebe in tatkräftiger Unterstützung aus, aber die Frauen erkennen die Fahrt zur Autowaschanlage oder den Reparaturdienst nicht als Liebesbeweis. Er sagt dann, er tue alles für sie, und sie sagt, er würde ihr nicht einmal zum Geburtstag etwas für das Herz schenken.

 

Dabei ist die Liebe die einzige Kraft der Welt, die auch die schwersten Wunden heilen kann. Es lohnt sich also, die Liebessprache des Partners zu erforschen und sie täglich mit ganzem Herzen zu sprechen!

 

 


Mutig sein

Die Umkleidekabine des Schwimmbades teilte ich mir mit den Mädchen einer Grundschulklasse. Ein Mädchen teilte einem anderen Mädchen mit, dass ihre Frisur eine Oma-Frisur sei, und ein Mädchen schrie: Stimmt! Meine Oma sieht auch so aus! Das Mädchen mit der Oma-Frisur blickte einmal kurz in den Spiegel, fand aber wohl, dass ihre eigene Oma definitv eine andere Frisur hätte, weswegen sie sich kommentarlos und seelenruhig weiter anzog.

Ein anderes Mädchen schlüpfte versehentlich in die Socken ihrer Freundin, was in einen regen Sockentausch mündete, bis Eine rief: Ih! Du hast Stinkesocken! Und dann kreischten alle los, und das Mädchen mit den Stinkesocken schnupperte kurz an den braun verfärbten Sohlen, zuckte mit den Schultern und meinte, hmm, jaaa, wohl ein bisschen! Dann zog sie die Stinkesocken an, lachend, und zog einen Fuß vor die Nase und rief: Lecker Käse! Alle kicherten.

Die Lehrerin enterte den Raum und stellte fest, dass zwei Mädchen nicht weiter als bis zur Unterhose gekommen waren. Sie klatschte in die Hände, gab ein paar Kommandos ab, was eines der beiden Mädchen auch motivierte, sich ein wenig schneller anzuziehen. Das andere Mädchen jedoch setzte sich gemächlich hin, träumte, öffnete ihren Schrank, zog ein Unterhemd heraus, und das war es dann auch schon, mehr passierte nicht – mit dem Unterhemd zwischen den Händen träumte es weiter.

Die Umkleidekabine lichtete sich, die Lehrerin stürmte wieder herein und stellte fest, dass das verträumte Mädchen im Nimmerland verschwunden war – mit großen Kulleraugen betrachtete sie regungslos die Schließfächer. Wieder folgten ein paar Kommandos, diesmal mit der Drohung, dass sie die Letzte sei und der Bus bald ohne sie fahren würde. Das Mädchen wachte auf, zog sich das Unterhemd an, allerdings ohne große Eile, und schaffte es schließlich, vollständig angekleidet zu sein. Vor sich hin summend verließ sie den Raum.

Als alle weg waren, lag ein Paar weißer Söckchen in einer Pfütze auf dem Boden. Die Lehrerin, die noch einmal in die Umkleidekabine schaute, schrie ihren Schützlingen hinterher, ob auch jede ihre Socken anhätte, was wohl alle bejahten – die Socken blieben, wo sie waren, und dann war es still.

Um zu verstehen, was in Kinderköpfen und Kinderherzen vor sich geht, braucht man nur beobachten und hinhören. Kinder sind, anders als Erwachsene, in ihrem Verhalten noch wenig maskiert und kontrolliert. Wenn sie traurig sind, lächeln sie nicht, wenn sie den Schalk im Nacken sitzen haben, spielen sie mit ihm, wenn sie wütend sind, schreien sie oder stampfen mit den Füßen auf. Wir Erwachsenen haben verlernt, uns so zu zeigen, wie wir sind – niemals würden wir an Stinkesocken riechen und lauthals verkünden, dass sie nach Käse duften, niemals würden wir uns über die Frisur einer anderen Frau öffentlich lustig machen, und wenn wir selbst einmal das Pech hätten, dass Eine zu uns sagt: Du hast eine Oma-Frisur, dann würden wir die Beleidigung sachlich abschwächen wollen: Das ist eine praktische Frisur. Ich habe nicht so viel Zeit für Pflegerituale. Wir sitzen auch nicht verträumt in der Unterhose herum, und wir probieren nicht die Socken einer Anderen an.

Sind nur Frauen in der Umkleidekabine, ist es ruhig. Nasse Sachen aus, abtrocknen, trockene Sachen anziehen, Haare bürsten, Creme ins Gesicht, Sachen packen, raus. Kennen sich zwei Frauen, ist das Gespräch gesittet. Wir haben Zeitvorgaben und Ziele, und wir wissen, wie wir uns zu benehmen haben, um möglichst unauffällig zu sein und damit in der Gruppe akzeptiert zu sein.

Karl Lagerfeld antwortete auf die Frage, was für ihn denn eine Modesünde sei: Modesünden tragen die Menschen, die mutig sind, die sich erlauben, genau das anzuziehen, was ihnen gefällt, die sich eben nicht nach fremden Geschmäckern und Normen richten, sondern umgehemmt sich selbst leben.

Demnach sind viele Kinder noch mutig: Sie zeigen, wer sie sind, ohne sich permanent zu fragen, wie sie wohl auf Andere wirken. Und wir Erwachsenen erfreuen uns an dem Lachen und der Unbekümmertheit und der Leichtigkeit der Kinder, die nichts anderes tun, als einfach der Mensch zu sein, der sie sind, und sich immer wieder erlauben, ihren Impulsen zu folgen.

 


Ein einziger Wunsch

Gestern erzählte mir ein Arzt, dass man selbst schwer erkrankte Menschen in den seltensten Fällen davon überzeugen könne, sich selbst und ihre Lebensweise in Frage zu stellen. Lieber nähmen seine Herzpatienten Betablocker, als ihr Arbeitspensum zu verringern, lieber entscheiden sich seine Burnout-Patienten für Vitaminspritzen, als sich ihre Überforderung einzugestehen und etwas dagegen zu unternehmen, lieber schlucken die Fettleibigen fettbindende Pillen, als ihre Ernährung grundsätzlich umzustellen. „Seitdem ich verstanden habe, dass die meisten Menschen lieber immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, als die Richtung zu wechseln, geht es mir mit meinem Beruf wieder besser“, schloss der Arzt. „Ich mache pünktlich Feierabend und spiele Fußball.“

Ich fragte ihn, was er denn bei sich erkannt und geändert hätte. Er sagte: „Am Anfang stand die Erkenntnis, dass jeder Mensch für sich allein verantwortlich ist. Ich kann einen Rat geben, mehr nicht. Was mein Patient damit macht oder auch nicht macht, ist allein seine Sache. Diese Erkenntnis half mir, mich selbst in einem anderen Licht zu sehen. Also machte ich eine Liste von allen unerfüllten Wünschen und stellte jeden Wunsch in Frage: Wollte ich wirklich, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde? Wie stark wollte ich das? Und wenn der Wunsch wirklich stark war: Was könnte ich tun, damit ich ihn mir erfüllen könnte? Meine Wünscheliste schrumpfte sehr schnell zusammen. Viele meiner Wünsche waren nur oberflächlich. Würde ich tatsächlich glücklicher sein, wenn ich mir ein neues Auto anschaffen würde? Natürlich nicht. Würde es mich zufrieden machen, wenn ich Urlaub auf den Seychellen machen würde? Ja, für zwei Wochen. Und für die Erinnerung. Aber im sehr viel wichtigeren Alltag würde der Urlaub gar nichts ändern. Also fragte ich mich, wie ich meinen Alltag so gestalten könnte, dass es mir gut gehen würde. Und ich reduzierte meine Wünsche auf drei echte Herzenswünsche.“

„Welche drei Wünsche sind das?“

„Oh, das war dann sehr einfach – ich hatte ja nur noch drei Wünsche zur Verfügung. Erstens, ich wollte ein guter Ehemann sein. Zweitens, ich wollte ein guter Vater sein und meinen Kindern zeigen, dass sie Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen müssen. Und drittens, ich wollte gut für mich selbst sorgen, damit mein Körper auch in dreißig Jahren noch kräftig und gesund ist.“

„Sind die Wünsche in Erfüllung gegangen?“

„Ich bin ein guter Ehemann geworden; früher war ich es nicht. Ich hatte mich viel zu sehr mit meinem Leiden und meinen unerfüllten Wünschen beschäftigt. Ich bin auch ein guter Vater geworden; das war sehr hart, denn ich habe lernen müssen, dass meine Kinder selbst lernen wollen und längst nicht alle Ratschläge annehmen. Und ich habe akzeptiert, dass mein Körper älter wird und ich nicht mehr fünfmal in der Woche Squash spielen kann. Ich gebe meinem Körper, was er braucht, und mein Körper trägt mich durch das Leben, so gut er kann.“

Ich fragte ihn, welchen Rat er geben würde, wenn er nur einen einzigen Rat geben könne.

„Fange mit nur einem Wunsch an: Was ist wirklich wichtig für dich, das jetzt in deinem Leben fehlt? Und dann übernehme die Verantwortung dafür, dass du dir diesen Wunsch erfüllst. Erwarte nicht, dass es jemand anderer für dich tut.“  


Der Liebes-Algorithmus

Zwei Wissenschaftler – der Mathematik-Professor James Murray von der Oxford-Universität sowie der Psychologie-Professor John Gottman von der Washington-Universität in Seattle – entwickelten gemeinsam eine Formel, anhand der sich die Länge einer Ehe berechnen lässt. Das Ergebnis ist beeindruckend: 94 % ihrer Voraussagen zur Scheidungswahrscheinlichkeit trafen zu.

 

700 junge Ehepaare nahmen an der 10 Jahre dauernden Studie teil. Der Test, den sie absolvierten, war denkbar einfach: 15 Minuten lang mussten die Paare miteinander über vorgegebene potenzielle Konfliktthemen diskutieren. Dabei wurden ihre Körperfunktionen aufgezeichnet – u.a. Herz- und Atemfrequenz, Schweißbildung -, und zwei Kameras hielten Mimik und Gestik sowie das Gesagte fest. Sechs Psychologen beurteilten im Anschluss jeden Satz und jede Emotion über ein Punkteschema.

 

Die Theorie: Nicht die Liebe an sich entscheidet über den Erfolg einer Partnerschaft, sondern die Art des Umgangs miteinander, wobei die Liebe als Gefühl von starker gegenseitiger Anziehung als Grundvoraussetzung vorhanden sein muss, denn die Anziehung aktiviert unser „Bindungssystem“: Wir versuchen, möglichst viel Nähe und Geborgenheit herzustellen und zu erhalten.

 

Als besonders negative Verhaltensweisen, die eine Partnerschaft schnell beenden werden, definierten die Forscher:

 

- offen gezeigte Gleichgültigkeit gegenüber dem Partner;

- Jammern und Klagen als Ausdruck einer Opferhaltung;

- Zorn und Wut;

- Dominanzgebahren;

- Schuldzuweisungen mit der Absicht, das eigene Handeln in ein besseres Licht zu rücken;

- Verachtung gegenüber dem Partner;

- innerer Rückzug: Verweigerung von Gesprächen, Distanzierung, Errichtung einer „Mauer“ um sich.

 

Als besonders positiv wirkte sich hingegen Humor aus; Humor, so scheint es, ist in langfristig stabilen Beziehungen einer der wichtigsten Faktoren zum Erhalt der Liebe. Aber auch das Zeigen von Interesse an den Ansichten und Gefühlen des Partners durch Zuhören und aktives Nachfragen erhöht die Chancen auf eine lange und glückliche Partnerschaft erheblich. Und: Respekt ist unabdingbar.

 

Dabei ist Streiten durchaus erlaubt; entscheidend ist jedoch das Verhältnis zwischen Streit und humorvoller Gelassenheit und Interesse. Die Forscher definierten die ideale Korrelation zwischen den negativen und den positiven Verhaltensweisen mit 1:5.

 

Leichtere Abweichungen führen dabei nicht automatisch in das Partnerschafts-Aus: Wer seine eigenen negativen Verhaltensweisen erstens erkennt und zweitens bereit ist, daran zu arbeiten, tut sehr viel für den Erhalt der Liebe. Wer hingegen glaubt, dass nur der Partner sich ändern müsse, damit "die Liebe funktioniert", beschleunigt das Aus, es sei denn, der Partner verfügt über besondere Leidensfähigkeit.

 

Der Rat der Forscher: Öfter mal gemeinsam herzhaft lachen!

 


Ursprung und Anwendung der Wahnideen

In der psychologischen Homöopathie genießen die Träume, Ängste und die Wahnideen besondere Aufmerksamkeit.

 

Insbesondere die Wahnideen zeigen sehr oft den Weg zum Similimum, also zum passenden homöopathischen Mittel.

 

Jeder Mensch hat Wahnideen. Eine Wahnidee ist wie ein Riss im Glas der Brille, durch die man in die Welt blickt. Die Wahrnehmung ist verzerrt; man sieht etwas, das nicht da ist. Die Ursache für jede Wahnidee liegt in der psychischen Wunde, die wir zu kompensieren versuchen. So kann eine Erziehung durch Liebesentzug zu der Wahnidee führen, immer alles falsch zu machen („immer“ und „alles“ sind absolute Begriffe, die nicht zustimmen können, aber der Fokus der Brille liegt auf eigenen, zumeist eingebildeten Fehlern, die häufig ein tief liegendes, immerwährendes Schuldgefühl verursachen).

 

Thuja hat die „Wahnidee, ist aus Glas“. Nun habe ich noch keinen Thuja-Patienten in meiner Praxis gehabt, der behauptet hätte, er sei aus Glas – aber alle Thuja-Patienten haben ein Gefühl von innerer Zerbrechlichkeit, und zwar dann, wenn sie nach ihrem Empfinden zu hart angefasst oder fallengelassen werden. Thuja hat Angst, nicht so geliebt zu werden, wie sie wirklich ist, und versucht daher, durch Verstecken und Verheimlichen der (vermeintlichen) Fehler sowie durch besondere Liebenswürdigkeit das Herz ihrer Mitmenschen doch zu erobern. Die ordentlich gestutzte Thuja-Hecke (Thuja ist der Lebensbaum) mag ein Sinnbild der Thuja-Menschen sein: Nach außen wird ein undurchdringliches, sorgsam gepflegtes Bild gezeigt, doch hinter der Hecke sind all die Schwächen und Fehler verborgen, die zur Ablehnung führen könnten. – „Wahnidee, hat keine Freunde“.  

 

Letztendlich wird die nach außen präsentierte heile Maske zum Teil des Selbst, und das Selbst löst sich zunehmend auf; Thuja erfährt einen Identitätsverlust. Wir finden diesen Verlust des Ichs u.a. in den Rubriken:

 

-         Wahnidee, sie könne nicht länger existieren

-         Wahnidee, sie würde aus ihrer Haut herausfliegen

-         Wahnidee, der Körper sei immateriell

-         Wahnidee, der Fortbestand des Körpers würde sich auflösen

 

In der Praxis äußert sich natürlich kein Patient mit exakt diesen Worten. Wir hören anstatt dessen: „Niemand nimmt mich wahr. Ich fühle mich wie Luft.“ – „Alle reden miteinander und haben Spaß, mich ignorieren sie, obwohl ich mich bemühe, immer freundlich zu sein. Es ist so, als würde ich gar nicht im Raum sein.“

 

In vielen Geistes- und Gemütsrubriken des Repertoriums geht es darum, den Sinn hinter den Worten zu erfassen. Darum geht es auch im Gespräch; wir müssen uns fragen, welches Grundgefühl die Aussagen unserer Patienten in sich tragen. Was machen wir beispielsweise mit der Aussage: „Ich habe gesehen, wie ein Mädchen im Laden etwas gestohlen hat. Und ich habe nichts gesagt. Ich habe überlegt, ob ich zu der Kassiererin gehe. Dann war das Mädchen weg. Und seither fühle ich mich so schuldig, als hätte ich selbst etwas gestohlen. Wenn ich die Polizei auf der Straße sehe, wird mir mulmig.“ – Hier wird die „Wahnidee, hat ein Verbrechen begangen“ geäußert. Eine Abschwächung dieser Rubrik ist die „Wahnidee, hat Unrecht begangen“, eine Verstärkung dieser Rubrik ist die „Wahnidee, ist ein Verbrecher“. Im ersteren Fall handelt es sich um eine unrechte Tat, aber noch nicht um ein Verbrechen. Im zweiten Fall handelt es sich nicht mehr nur um ein Verbrechen, sondern darum, ein Verbrecher zu sein. Opium fühlt die ultimative Steigerung dieser Wahnidee: „Wahnidee, er sei ein Verbrecher, der hingerichtet werden soll“. Aus der Praxis: Eine Patientin, die sich in einem Haus aufgehalten hatte, das kurze Zeit später abbrannte, wartete nachts am Fenster auf das Eintreffen der Polizei, weil sie glaubte, den Brand durch einen ihr nicht bewussten Fehler verursacht zu haben.

 

Die Wahnideen liefern immer einen tiefen Einblick in das Drama, die Wunde. Und damit zählen die Wahnideen zu den wichtigsten Handwerkszeugen im Repertorium.

 


Neujahrswünsche

Gestern, am 31.12.12, war ich mit einer Freundin unterwegs. Wir landeten nach einer kleinen Odyssee eine halbe Stunde vor dem Jahreswechsel in einem Hamburger Club. Nachdem wir unsere Mäntel abgegeben und den Neujahrssekt in Empfang genommen hatten, war es auch schon so weit: Wir wurden von der Menge nach draußen gedrängt, der obligatorische Countdown startete, und viele bunte und laute Lichter läuteten das Neue Jahr ein. Die Menschen um uns herum schrien und umarmten sich und flüchteten vor dem Regen schnell wieder ins Trockene. Dann stand ich fast allein draußen, starrte in den Himmel, ließ mir den angenehm kühlen Regen ins Gesicht tropfen und dachte an - nichts. Mitten in dieses Nichts hinein registrierte ich, dass ein Mann neben mir stand und genau das Gleiche tat. Weil er so selbstvergessen wirkte, fragte ich ihn, ob er sich etwas gewünscht hätte. "Ja", sagte er, "normalerweise wünsche ich mir nichts, denn man kann ja an jedem Tag im Leben gute Vorsätze fassen und sie dann umsetzen oder auch nicht. Aber in diesem Jahr wünsche ich mir, dass ich glücklicher bin."

Gesagt, getan (denn auf das Tun kommt es ja immer an!): Wir tanzten die ganze Nacht durch. Ich erinnerte mich an viele alte Songtexte und sang mit, während meine Füße sich an alte Tanzschritte erinnerten. Zwischendurch kühlte uns der Regen ab.

Später am Tag bedankte sich Kai für die tolle Silvesternacht. Er hatte seinen Wunsch bereits in die eigenen Hände genommen und sich einfach treiben lassen, um glücklicher zu sein.

Und ich habe zum ersten Mal einen Vorsatz gefasst: Öfter tanzen gehen!


Begegnung mit einem Hirschkuh-Kalb

Am Wochenende haben wir das schöne Herbstwetter ausgenutzt und waren im Wildpark Lüneburger Heide. Im Freigehege trafen wir ein Hirschkuh-Kälbchen, das sich uns anschloss, obwohl wir unser Wildfutter bereits verfüttert hatten. Die Sonne brach durch das herbstliche Laub der Bäume, und das Kalb suchte meine Nähe. Meine Tochter hat diesen Moment mit der Kamera eingefangen, und ich teile ihn sehr gern, denn ich werde ihn sicherlich lange Zeit nicht vergessen.


Zen ohne Zenmeister

Aus dem Buch "Zen ohne Zenmeister" von Camden Benares:
Ein Künstler steckte in einer Krise und war nahezu unfähig, weitere Bilder zu malen. In seiner Not wandte er sich an Sam, einen Therapeuten, der auf der Grundlage des Zen arbeitet. Bei der Besprechung der künftigen Therapie meinte der Künstler zur Frage des Honorars, dass er nicht viel ausgeben könne, da sein Einkommen durch die durchlebte Krise rapide gesunken sei.
Das sei kein Problem, erklärte Sam, er verlange für seine Arbeit lediglich zwei Bilder. Das eine solle den Titel "Verzweiflung" tragen und vor Beginn der Therapie gemalt werden. Das andere sollte nach beendeter Therapie entstehen, wobei er die Wahl des Motivs dem Künstler überlasse.
Als dieser das erste Bild gemalt hatte, präsentierte er es Sam, welcher es nach kurzem Betrachten ins brennende Kaminfeuer warf. Ohne ein Wort zu sagen, ging der Künstler. 
Einige Tage darauf erschien er wieder bei Sam - mit dem zweiten Bild.


Sogyal Rinpoche: Autobiographie in 5 Kapiteln

1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren... Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein... aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Straße.

Sogyal Rinpoche

Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben